Abenteuer Bahn ~
schönes Breslau (Wroclaw)

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Störche sieht man in jedem Dorf an der Strecke.

 

Marktplatz in Breslau. Ein beliebter Treffpunkt für die Breslauer Bürger.

 

Herrliche Bürgerhäuser säumen den riesigen Marktplatz.

 

Das Herz des Marktplatzes ist das historische Rathaus.

 

... nur ein Beispiel aus einer Fülle schöner Fassaden.

 

Früh am Morgen präsentiert sich die Dominsel besonders beschaulich.

 

Barocke Kapellen an gotischem Dom.

 

Die Dominsel ist der älteste Teil Breslaus.

 

Die Gaslaternen sind noch in Betrieb.

 

Das Angebot in der Markthalle lässt keine Wünsche offen.

 

Die Waren sind von ausgezeichneter Qualität.

 

Blick vom Turm der Elisabethkirche auf den Marktplatz.

 

An manchen Häuserzeilen gab es nichts zu renovieren.  Viele Häuser sind Rekonstruktionen.

21.07.02
So hatte ich mir den Start zu meiner Polentour nicht vorgestellt. Der erwartete Nachtzug kommt in Münster nicht an, die Reisenden werden in einen Interregio nach Dortmund gebeten; dort sollte unser Nachtzug sein. Darüber bin ich schon sauer, denn angeblich gab es ab Dortmund keinen Nachtzug nach Berlin. Darum hatte ich mich an Dortmund vorbei, nach Münster bringen lassen müssen, eine beachtliche Strecke! In Dortmund steht zwar ein Nachtzug, jedoch ohne die Schlaf- und Liegewagen nach Berlin. Die vorhandenen Wagen sind überfüllt, da alle Reisenden, die Liegeplätze reserviert hatten, nun Sitzplätze und Gänge bevölkern. In Hannover bekommt unser Zug dann endlich die ersehnten Schlafwagen. Als ich endlich völlig erschöpft in meinem gebuchten Bett liege, ist es 3.20 Uhr in der Nacht. Genau 3 Stunden später werde ich geweckt um meinen Berg Gepäck in Berlin zu entladen. Nun, für 3 Stunden hat sich der Schlafwagen ja richtig gelohnt! Als ich weitere 3 Stunden später schlaftrunken im Zug nach Breslau sitze, fällt mir der Werbeslogan der Bahn ein: Ausgeschlafene fahren nachts! Nachdem ich das Gepäck verstaut und meinen Platz gefunden habe, fallen mir auch schon die Augen zu. Irgendwie verkeile ich mich auf der Sitzreihe und schlafe auch glatt bis Mittag durch.

Dann habe ich endlich auch Augen für die vorüberfliegende Landschaft und bin gleich begeistert. Die Fahrt geht durch Wälder und Wiesen voller Blumen. Das Korn auf den Feldern ist reif und leuchtet golden in der Sonne. Immer wieder passieren wir Seen. Manche naturbelassen, in anderen tummeln sich Segler und Schwimmer. Sogar die ersten Störche sehe ich schon bei dieser Bahnfahrt. In Breslau finde ich mein Hotel ohne Probleme. Ich bin müde, es sind 30°C und die Stadt ist groß, so bin ich froh, dieses erste Quartier fest gebucht zu  haben.  Mein Rad darf mit aufs Zimmer, das ich nach wenigen Minuten wieder verlasse. Das Bett zieht mich magisch an, doch draußen gibt es gutes Licht also mache ich mich auf die Stadt zu erkunden. Den Anblick der Dominsel gönne ich mir nur von der anderen Oderseite aus, es zieht mich heute erst mal in die Altstadt. Dieselbe zu finden ist gar nicht so einfach. Ich laufe eine ganze Weile durch öde Nachkriegsbauten ohne Gesicht. Immer wieder vergleiche ich die Straßennamen mit dem Stadtplan, eigentlich müsste hier die Altstadt sein.

Gerade als sich Enttäuschung ausbreiten will, taucht plötzlich eine herrliche Häuserzeile auf. Und noch eine und noch eine und dazu ein riesiger Platz. Während ich mich fasziniert umblicke und die fantastischen Fassaden betrachte renne ich rückwärts in eine Gruppe, die sich zum Fotografieren aufgestellt hat. Der Altstädter Markt ist ein riesiger Platz, der von herrlichen Bürgerhäusern gesäumt ist. Die Fassaden sind so verschieden wie die Epochen, in denen sie entstanden. In der Mitte des Platzes steht nicht nur das unvergleichliche Rathaus, sondern ein ganzes Karre schöner Häuser. Kleine Gassen betritt der Besucher ganz romantisch durch Torbögen. Dieses Ensemble wunderschön restaurierter Häuser findet so schnell sicher nichts Vergleichbares. Für mich einer der schönsten Plätze die ich kenne. Wenn auch die historische Bedeutung der Bauwerke nicht mit denen am Altstädter Ring in Prag vergleichbar ist, punkto Schönheit kommt der Breslauer Rathausplatz in die gleiche Klasse.

Nach der verpassten Nacht und der langen Fahrt bin ich ganz schön geschafft und beschließe genauere Erkundungen auf morgen zu verschieben. Draußen tauchen die letzten Strahlen der Abendsonne die Kirche gegenüber in schönes weiches Licht. Vom Biergarten unter meinem Fenster erklingen Stimmen und fröhliches Lachen. Mit diesen Geräuschen schlafe ich ein.

 
22.07.02

Der Tag beginnt sonnig. Da ich schon vor 9 Uhr unterwegs bin, treffe ich auf der Dominsel keine Touristen. Diese ehemalige Insel ist der älteste Teil Breslaus und tatsächlich fühle ich mich weit in die Vergangenheit versetzt. Auf dem Weg zum imposanten Dom passiere ich die erzbischöfliche Residenz sowie ganze Züge schön renovierter Häuser. Der Dom, mit dessen Bau schon im 13. Jahrhundert begonnen wurde, ist ein gotischer Backsteinbau, der im Laufe der Geschichte mit angebauten barocken Kapellen erweitert wurde. Im Inneren von Kirchen ist mir diese Mischung bei der Ausgestaltung zu verschiedenen Epochen schon oft aufgefallen, doch hier sehe ich es von außen zum ersten Mal ganz bewusst. Ich schlendere noch ein wenig durch die alten Gassen, glücklich ohne Zeitdruck zu sein. Den großen botanischen Garten betrachte ich nur durch den mit bunten Wicken bewachsenen Zaun. Unendlich viele Details, wie zum Beispiel die alten, gasbetriebenen  Laternen, lassen mich immer wieder zur Nikon greifen. Ich muss mich sehr bremsen, um nicht schon alle Filme auf dieser ersten Station meiner Reise zu belichten.

Auf dem Weg zur Altstadt bemerke ich, dass ein Bahnhofähnliches, gestern verschlossenes Backsteingebäude einen großen gedeckten Markt beherbergt. Solche Markthallen finden sich in Südeuropa in jeder größeren Stadt, hier treffe ich ganz unvermutet darauf. Das Angebot ist hervorragend. Obst und Gemüse sind von feinster Qualität, es gibt lose Bonbons und Teebeutel, was mich etwas amüsiert. Natürlich kann ich weder den goldgelben Birnen noch den dicken Blaubeeren widerstehen; damit ist mein Mittagessen im Park an der Oder gesichert.

Am Nachmittag setzen sich mehr und mehr Wolken durch und ich bin froh, schon gestern einige Fotos geschossen zu haben. Wie befürchtet sind montags die Museen geschlossen, mir bleibt einzig die Besichtigung der bekannten Aula Leopoldina im Collegium Maximum der Breslauer Universität. Dieser mit barocken Ornamenten und herrlichen Fresken geschmückte Raum soll einer der schönsten Barocksäle Polens sein. Da ich keinen Vergleich habe, will ich das gern glauben.

Auf dem Marktplatz findet gerade eine Fotoausstellung über Breslau früher und heute statt. Aus den Bildern und einer Broschüre erfahre ich, dass die Stadt im 2. Weltkrieg zu 70% zerstört war. Die meisten der prächtigen Gebäude sind Rekonstruktionen, so auch Teile des sehenswerten Rathauses sowie die ganze südliche Häuserreihe des Marktplatzes.

Vom gotischen Turm der Elisabethkirche genieße ich einen hervorragenden Blick auf den Marktplatz. Von dort oben wird deutlich, dass der  Gebäudekomplex mit dem Rathaus sowie den angrenzenden Wohnhäusern, Tuchhallen und Handelsgebäuden den Marktplatz in 4 Teile gliedert. Ich betrachte noch das romanische Portal aus dem 12. Jahrhundert, welches in die Fassade der Maria-Magdalena-Kirche aus dem 14. Jahrhundert eingelassen wurde und lasse den Tag in einem der zahlreichen Terrassenrestaurants auf dem Platz ausklingen.

 

23.07.02

Eine neue Variante; ich schreibe auf dem Bauch liegend. Nach 115 Km und 7,5 Stunden habe ich das Gefühl, dass ich meinen Hintern wohl nie wieder zum Sitzen gebrauchen können werde. Der Verstand weiß, dass das vorbei geht.

Am Morgen kam ich gut weg, saß schon um 8 Uhr auf dem Rad. Natürlich habe ich prompt den falschen Weg aus der Stadt genommen und war zu 10 Sonderkilometern verurteilt. Die ersten 20 Kilometer nach einer Großstadt sind immer grauenhaft. Es herrschte starker Verkehr und die Straßendörfer ohne Gesicht liegen an der Strecke wie Perlen auf der Schnur. Ausgerechnet dort erblickte ich Störche auf einem Dach. Erst nachdem ich Oborniki passiert hatte, ebbte der Verkehr ab.

Es ging weite Strecken durch Wälder, überwiegend jedoch durch landwirtschaftlich genutzte Flächen. Die Getreideernte ist im vollen Gange, so sah ich überall Menschen auf den Feldern, Traktoren und Erntemaschinen begegneten mir überall auf der Strecke. Die Versorgung mit Lebensmitteln war gut, jedes Örtchen hat einen kleinen Laden in einer Bude am Straßenrand. Zwei Mal erstand ich leckere Apfeltaschen bei Verkaufswagen, die die Dörfer abklappern.

Gleich hinter Krobia war es mit der Idylle vorbei. Ich radelte auf einer Verbindungsstraße nach Posen. Es herrschte ständiger LKW-Verkehr, auf dieser für Fahrzeuge dieser Größe doch recht schmalen Straße. Nur wer je auf einem Fahrrad von LKWs mit Anhänger mit 100 Km/h bei 30 Zentimeter Abstand überholt wurde, kann nachempfinden, welche Angst ich auf diesen letzten 15 Kilometern hatte. Die morgige Etappe verläuft über weite Teile auf dieser Straße. Der Bahnhof von Gostyn ist nah und ich überlege ernsthaft, mit der Bahn nach Posen zu fahren. Es würde meine Chancen lebend dort einzutreffen drastisch erhöhen und außerdem kann ich ohnehin nicht mehr sitzen.

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