Danzig (Gdansk)
neu erstanden aus Ruinen

02.08.02

Aus! Dies ist meine letzte Etappe, danach sehe ich Danzig an und nehme den Zug.

So gut läuft es am Morgen, ich starte ganz gemächlich, nur nichts übertreiben. Die Strecke ist absolut flach und das mittlerweile gut trainierte linke Bein macht die Hauptarbeit. Je weiter mich meine Reise nach Norden führte, desto schöner wurde die Landschaft, desto ruhiger wurden die Straßen. Gleich nachdem ich Malbork verlassen habe befinde ich mich auf einsamer Straße, auch die Besiedlung wurde deutlich dünner. Dafür werden die Dörfer immer hübscher, überall sehe ich alte Holzhäuser mit Schnitzwerk und dicken Balken.

Leider spüre ich bald wieder dieses verflixte Knie, mache langsam, gönne mir schon in Nowy Staw eine Kaffeepause in einer klimatisierten Konditorei. Hier in Polen werden köstliche Kuchen gebacken, die ich wenigstens zum Teil kosten muss. Nach nur 20 Km ist der Schmerz voll zurück, der Ruhetag hat also nichts gebracht. An dieser Stelle ist mir klar, dass die Radtour heute beendet wird. Für die 65 Km bis Danzig nehme ich mir nun ganz bewusst alle Zeit der Welt, will die letzte Etappe so gut es unter diesen Umständen geht genießen, jede Blume, jedes Dorf, den Duft der frisch gedroschenen Felder, alles will ich ganz auskosten.

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Schöne Holzhäuser im Norden.

 

Einfache Kirche in Lubieszewo.

 

3 Läden und eine Kneipe - Einkaufszentrum auf dem Lande.

Die Dörfer sind hier wesentlich hübscher als in der Mitte des Landes, wo grau und unverputzte Steine das Ortsbild bestimmten. Die vielen Holzhäuser harmonieren herrlich mit den bunten Bauerngärten und die Leute hier im Norden legen offensichtlich mehr Wert auf ihr Heim. In Lubieszewo halte ich an einer alten Backsteinkirche mit hölzernem Glockenturm. Im Inneren bin ich überrascht, es gibt eine ganz einfache, tonnenförmige Holzdecke, die mit barocken Figuren und Ornamenten bemalt ist. Einfach schön!

In einem Dorf begleitet mich ein alter Mann eine ganze Weile. Wegen meines Handicaps hat er keine Mühe auf seinem alten, klappernden Drahtesel mit mir mitzuhalten. Er erzählt mir etwas, zeigt auf Häuser und Gegend ohne sich daran zu stören, dass ihn die Frau mit dem beladenen Rad nicht versteht. Wir lächeln uns an, das versteht man in aller Welt.

Als ich bei Kiezmark mit 45 Km auf dem Tacho die Weichsel überquere, lege ich eine gut einstündige Pause ein, denn ich kann keinen Tritt mehr tun. Danach geht es etwas besser, bei der Ankunft in Danzig habe ich schon wieder die Nikon am Auge. Leider finde ich in der Stadt keine Unterkunft. Am Wochenende findet eine Veranstaltung statt und alles, vom 6-Bettzimmer in der Jugendherberge bis zum 4 -Sternehotel für 180€ ist ausgebucht. So bekomme ich noch 10 Bonuskilometer bis zum Campingplatz an der Ostsee dazu. Das Zelt ist schnell aufgestellt, alle Taschen hinein geworfen und ab geht's an den Strand. Wenn der Ostseeteil meiner Reise auch ausfällt, so will ich das Meer doch wenigstens gesehen haben. Ist schon ein tolles Gefühl, nach den vielen Stationen und Kilometern nun hier an der See zu stehen. Ich bin glücklich und traurig zugleich, laufe Barfuß durchs angenehm warme Wasser. Es ist mir egal, dass meine Lieblingsradler nass wird, vorerst brauche ich sie ja nicht mehr. Auf dem geplanten Rest meiner Tour hätte jeden Abend ein Platz an der Ostsee auf mich gewartet. Nun ist jedoch Schluss, meine Reise endet nach gut 600 Kilometern am geplanten Wendepunkt der Tour.

 

Mein erster Blick auf Danzig. Promenade an der Motlawa.

Das Krantor ist Danzigs bekanntes Wahrzeichen. Bei seiner Erbauung 1444 war es der  größte Hafenkran der Welt.

Das goldene Tor schließt die Langgasse ab.

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Die 25.000 Menschen fassende Marienkirche ist so gewaltig, dass ich sie nicht ganz auf ein Foto bekommen konnte!

 

In den Nebenstrassen geht es ruhig zu.

 

Das Rechtstädtische Rathaus beherbergt das historische Museum. Im Vordergrund: Der Lange Markt.

 

Das Steffenshaus schmückt eine besonders üppige Fassade.

 

Artushof mit Neptunbrunnen.

 

Transportmittel, gestern und heute.

03.08.02

Mein zweirädriger Gefährte ist an der Campingplatz Rezeption abgegeben, in die Stadt gelange ich mit der Tram Nr. 13. Der erste Weg geht zum Bahnhof, Fahrkarten kaufen für die ungeplante Heimfahrt per Bahn.

In der Stadt haben die Rekonstrukteure hervorragende Arbeit geleistet. Würde ich die traurige Wahrheit nicht kennen, ich fühlte mich wirklich in einer alten, gewachsenen Hansestadt. Den ganzen Vormittag laufe ich planlos umher, hänge noch immer tristen Gedanken nach und stelle mir vor, was ich alles versäume. Zudem ist es mehr als Pech, dass gerade der bekannte Dominikanermarkt stattfindet. Das war der Grund für die ausgebuchten Unterkünfte und ärgert durch überfüllte Straßen. Die gesamte Stadt ist voller Buden und Verkaufsstände, es ist unmöglich vernünftige Fotos zu machen. Die hässlichen Stände aus überwiegend weißer Plastikplane verschandeln jedes noch so harmonische Straßenbild. Den feilgebotenen Kram bekommt man auf jedem Markt oder falschen Flohmarkt. Ganz nebenbei findet noch ein Volkslauf statt, für den der Lange Markt durch aufgestellte Absperrgitter ebenfalls für Fotografen verunstaltet wird . Also konzentriere ich mich auf die oberen Fassadenteile.

Es ist schon bemerkenswert, wie jedes einzelne Haus individuell gestaltet ist. Würde ich nicht ständig im Gedränge weiter geschoben, ich könnte stundenlang nur die Häuser mit ihren unzähligen Details betrachten. Ein kleiner Spaziergang führt mich auf die Speicherinsel, von dort habe ich herrliche Aussicht auf das gewaltige Krantor und die, leider mit Buden vollgestellte Motlawa-Promenade.

Gestern Abend erzählte mir ein älterer Herr, dass vor einigen Jahren dort nur das Krantor stand, er selbst hatte nun zum ersten Mal die ganze, rekonstruierte Häuserzeile an der Motlawa gesehen. Im Museum zum Artushof sehe ich einige Fotos, welche nach dem Krieg entstanden sind. Ich bin zutiefst betroffen, in diesem Teil der Stadt gab es nichts zu renovieren! Dort existierte 90% der Bebauung nicht mehr. Die Rekonstruktion begann nach Kriegsende mit Berichten von Zeitzeugen, alten Fotografien oder Kupferstichen und dauert bis heute an. Wenngleich für den heutigen Besucher der Nachbau nicht sichtbar ist, so gingen doch Kunstgegenstände und historische Substanz für immer verloren.

Das Postgebäude wie das Rathaus besuche ich noch, dann geht mein Weg zur größten, aus Backsteinen gemauerten Kirche der Welt, der Marienkirche, welche 25.000 Gläubigen Platz bietet! Dieses monumentale Bauwerk ist im Inneren überraschend einfach. Am beeindruckendsten fand ich die prächtige Orgelanlage. Auffallend, nicht nur hier in Danzig, sondern in allen auf dieser Reise besuchten Gotteshäusern, ist die tiefe Frömmigkeit der Polen. Oft beobachte ich, dass Menschen gleich nachdem sie sich beim Eintritt bekreuzigt haben, auf dem Boden niederknien. Ich sah Männer wie Frauen, die vor einem Bild oder einem Seitenaltar kniend tief im Gebet versunken waren. Sogar alte, offensichtlich gehbehinderte Menschen fallen auf die Knie, genau so wir durchgestylte und extravagant gekleidete junge Damen. Mit der Besichtigung der Marienkirche endet mein etwas planloser Rundgang durch Danzig. Ungewöhnlich früh bin ich müde, vermutlich war das Gedränge zwischen den Menschenmassen nicht nur nervig sondern auch anstrengend. In einer Sache bin ich sicher, Danzig ist eine Reise wert, im nächsten Jahr komme ich wieder!

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