Probleme bestimmen
den Tagesablauf

30.07.02

Radelwetter, 20°C und bedeckter Himmel, nach 5 Kilometern bin ich dem Verkehr entkommen, so beginnen gute Tage! Die ersten 20 Kilometer reiße ich ohne Stopp ab, dann konsumiere ich an einem "Delikatesy" den schon obligatorischen Becher Naturjoghurt. Kurz danach steht ein Wartehäuschen genau an der richtigen Stelle, um mich vor dem einsetzenden Platzregen zu schützen.

Nach gut 40 Kilometern erreiche ich das durch eine komplett erhaltene Stadtmauer umgebene Städtchen Chelmno mit einem 18,5er Schnitt. Bevor ich das historische Zentrum erreiche, steht noch ein knackiger Anstieg an, Chelmno liegt auf einer Anhöhe. Mein Knie macht wieder Probleme, so ziehe ich es vor, schiebend in die Stadt zu gelangen. Im Ort pulst das Leben, der Marktplatz wird seinem Namen gerecht. Dicht drängen sich die Menschen durch die bunten Marktstände, Kofferradios plärren lautstark gegen die Stimmen der Verkäufer an, dazwischen stehen plaudernde Leute und tauschen die letzten Neuigkeiten aus. Ich suche mir ein Café am Rande des Geschehens und nehme diese bunte Stimmung mit Freude auf. Das Rathaus ist üppig verziert, frisch gestrichen und wirkt mit seinem Turm in der Mitte irgendwie unwirklich. Wie ein aus anderer Gegend herversetzter Fremdkörper wirkt es auf mich, aber schön ist es dennoch.

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Das Renaissancerathaus mutet recht ungewöhnlich an in der mittelalterlichen Stadt Chelmno.

 

Glück gehabt, ich erlebte den Marktplatz an einem Markttag!

 

Auenlandschaft an der Weichsel.

 

Abendstimmung am See bei Rudnik.

 

Tabakanbau - das hatte ich in Polen nicht vermutet!


Nach 2 Stunden verlasse ich Chelmno, will heute eine 100er Etappe fahren. Dieser Traum zerplatzt auf den nächsten Kilometern. Mein Knie schmerzt höllisch, bei starkem Gegenwind brauche ich jedoch beide Beine. Immer wieder halte ich an, mache Gymnastik aber es hilft nicht. Meine Strecke verläuft wunderschön an der Weichsel entlang aber bald habe ich nicht mehr viel Interesse an der schönen Auenlandschaft, suche mir auf der Karte ein näheres Ziel. Das ist mehr als ärgerlich, denn ich war früh um 7 aufgestanden, um schon gegen 11 Uhr in Chelmno zu sein. So blieb mir genügend Zeit für den Ort und für eine lange Nachmittagsetappe.

Es hilft alles nichts, wenn ich nicht die ganze Tour gefährden will, muss ich aus dem Sattel. Auf den letzten Kilometern fahre ich immer öfter einbeinig, nicht optimal ohne Clickpedale. Als ich schon am frühen Nachmittag einen Campingplatz bei Rudnik erreiche, ist mein schöner Schnitt auf 16,6 geschmolzen. Als reichte das nicht schon, setzt in dem Moment ein Gewitterregen ein, als ich den Campingplatz nach 79 Kilometern erreiche. Es schüttet wie aus Kannen, binnen kurzem steht das Wasser bis zum Tretlager auf der Straße und ein übergeschnappter Autofahrer verpasst mir eine Dusche. Sehr freundlich!

Nun sitze ich in einem Ferienpark für Jugendliche fest. Der Badesee mit Sandstrand lockt mich nach der unfreiwilligen Dusche nicht mehr, in den Ort fahren kann ich nicht und das Laufen ist für mein Knie ebenfalls keine Freude. So sitze ich auf der Seeterrasse, trinke zu viel Cola, und denke darüber nach was ich morgen mache, wenn das Knie so schmerzt wie heute. Während ich so sitze und den Leuten am Strand zuschaue, vergesse ich meinen Ärger. Der Himmel ist wieder blau, spiegelt sich im Wasser. Über dem Schilfufer am Waldrand hüllt die verdunstende Feuchtigkeit das Ufer in leichte Dunstschwaden. Elegant gleitet ein Ruderer in der Ferne vorbei; worüber hatte ich mich eigentlich geärgert?

 

31.07.02

Heute will ich die Strecke nach Malburg aber machen! Die letzten Etappen seit Znin sind immer mehr nach meinem Geschmack, endlich stehen genügend verkehrsarme Nebenstrecken zur Verfügung. Nachdem ich dann Torun verlassen hatte, fahre ich sogar auf gänzlich Auto freien Straßen. Mein Knie hat sich über Nacht nicht gebessert. Es war falscher Ehrgeiz am Morgen nicht die Bahn genommen zu haben, denn bereits nach 10 Km beginne ich jede noch so kleine Steigung zu schieben, sonst fahre ich mehr oder weniger einbeinig. Als würde das an Problemen nicht genügen quälen mich auch noch Magenkrämpfe. Nach 20 Km macht sogar nur das Heben des Beines Schmerzen, beim Anhalten knickt das Knie sofort zusammen und ich mache Bekanntschaft mit dem Oberrohr.

So schaffe ich die 85 Km nach Malburg nicht. Zudem ist es knallheiß, mein Thermometer zeigt 32°C im Schatten. Ein Blick in die Karte verspricht einen Bahnhof in Kwidzyn, das liegt auch an der Strecke. Es ist so traurig, endlich komme ich in den landschaftlich schönen Teil meiner Reise, da bekomme ich solche Probleme. Meine Strecke ist traumhaft schön. Freundliche Menschen grüßen oder wollen mir den Weg erklären, sobald ich anhalte um in die Karte zu schauen. Ich sehe Störche, Reiher und mir unbekannte Wasservögel, komme an entlegenen Dörfern vorbei in denen in Unterständen Tabak zum Trocknen hängt. Da habe ich auch die Antwort auf die Frage, was das für ungewöhnliche Blattpflanzen sind, an denen ich so oft vorüberfahre. Meine Fahrt geht über bewaldete Höhen. Wanderwege sind hier markiert, es gibt keine Häuser; nur Natur. Die warme Luft ist erfüllt vom Duft nach Kiefern und Kräutern, wie könnte es schön sein, wäre da nicht dieses Knie.

Die letzten 10 Km bis Kwidzyn sind eine einzige Tortur, ich bin völlig frustriert, denke zum ersten Mal ans Aufgeben. Nach 47 Km bin ich in Kwidzyn und körperlich am Ende. Ich habe vor Schmerzen nichts essen können und das linke Bein kann mittlerweile auch nicht mehr. Das ich Malbork heute noch erreiche, verdanke ich der polnischen Eisenbahn, der ich mich für die letzten 38 Km anvertraute. Am wirklich herrlichen Campingplatz angekommen baue ich auf und dusche, das war's dann. Der Kopfschmerz, den ich der Anstrengung und dem Frust zugeschoben hatte, ist ein Migräneanfall geworden, ich sacke auf der Matte vor dem Zelt zusammen und werde erst spät am Abend wach.

Neben mir haben lauter Fahrradreisende aufgebaut und das nette Pärchen neben mir gibt mir einen Becher heißen Tee ab. Der Schlaf tat gut, der Tee ein Übriges, so fühle ich mich wieder fit. Morgen bleibe ich hier, werde die Burg besichtigen und mein Knie schonen. Bis Danzig muss ich auf alle Fälle noch, egal wie, dann hätte ich die Möglichkeit die Reise zu beenden, denn so macht es keinen Sinn, zudem will ich mir auch nichts kaputt machen. Ich bin traurig, denn der schönste Teil meiner Reise, die Ostseeküste, liegt ja noch vor mir
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