Thorn  ~  (Torun)
   die schöne Stadt an der Weichsel

28.07.02

Endlich ein richtig heißer Sommertag! Mein Thermometer zeigt schon gegen 10 Uhr früh satte 29°C an. Hinzu kommt eine herrlich abwechslungsreiche Strecke, die wie in den Tagen vorher keineswegs flach verläuft. Ein warmer, kräftiger Gegenwind verhindert jedoch Schweißnässe und sorgt dafür, dass ich auch bergab nicht aus dem Tritt komme ;-) 

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Lebensraum am Feldrand.

 

Badefreuden auf dem Lande.

 

Torun von der großen Weichselbrücke.

Mehrfach kann ich Störche im Flug beobachten, irgendwann höre ich damit auf, deswegen ständig zu halten. Ich realisiere, warum mir die Agrarlandschaft so abwechslungsreich erscheint, es sind die vielen naturbelassenen "Inseln" zwischen den Feldern. Breite Streifen natürliche Wiese trennen die Straßen vom Feld. Auf diesen Streifen wachsen Obstbäume, machen die Straße zur Fruchtallee. Immer wieder passiere ich mit Schilf zugewachsene Teiche, kleine Wäldchen und große Streuwiesen voller bunter Blumen. Diese kleinen natürlichen Biotope sind hier noch nicht der Ackerlandgewinnung zum Opfer gefallen und bieten Fröschen wie Störchen genügend Lebensraum.

An mehreren kleinen Seen nutzen Familien das schöne Wetter zum Baden, Sonnen und Angeln. Wieder einmal stelle ich fest, dass die Leute recht ähnlichen Freizeitbeschäftigungen nachgehen, egal, in welchem Land man sich gerade befindet. Gut 50 der heutigen 78 Kilometer freue ich mich über autofreie Nebenstrecke, dann komme ich an der Nationalstraße nicht vorbei. Glücklicherweise ist Sonntag und die LKW haben Pause, ich komme gut voran; das Radfahren ist also heute kein Überlebenstraining.

Bei Gniewkowo überlege ich trotzdem einen 10-Kilometer-Umweg zu fahren, denn hier vereinigen sich mehrere große Nationalstraßen zur allgemeinen Fahrtrichtung Danzig. Nach 5 Kilometern bereue ich es, den Umweg nicht gemacht zu haben. Der rechte Fahrbahnrand ist durch Hitze und Frost aufgeworfenen Asphalt extrem wellig und zwingt mich weit in die Fahrbahn. Die Strecke verläuft schnurgerade und veranlasst die Autofahrer die Höchstgeschwindigkeit ihrer Fahrzeuge zu testen. Alle 2 Kilometer steht eine junge Dame in eindeutiger Bekleidung  allein am Waldrand. An Parkbuchten stehen Autos mit wenig Vertrauen erweckenden Typen am Steuer. Entgegen der bisher gefahrenen Strecken, gibt es hier keine Getränkebüdchen, keine Grillstationen. Mir gefällt das überhaupt nicht, ich fühle mich mehr als unwohl und werde immer schneller. Endlich am Ortseingang nach Torun angelangt, meldet sich zum ersten Mal seit 4 Tagen mein Knie zurück.

Als ich die Weichsel überquere, vor mir Torun, von der Nachmittagssonne angestrahlt, sind  sind diese letzten Kilometer augenblicklich vergessen. Beim Rundgang durch die herrliche Stadt ist sofort klar, dass ich hier einen Tag bleiben möchte. Ein Hotel ist schnell gefunden, das Rad steht im Keller und ich genieße den Abend an Bord eines Restaurantschiffs mit Blick auf die Stadtmauern.

 

 

Biergarten zwischen Rathaus und Artushof in Torun.

Nikolaus-Kopernikus-Denkmal vor dem Toruner Rathausturm.

Das prächtige Postgebäude ist nur einer von vielen herrlichen Backsteinbauten.

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Das Haus zum Stern mit  plastischem Fassadenschmuck.

 

Im Freilichmuseum.

 

Was braucht der Mensch wirklich zum Leben und was ist Luxus?

 

Unterhaltung und Zerstreuung vor 100 Jahren.

 

Alte Grabinschriften erinnern an frühere Bewohner.

 

Der Turm der Johanneskathedrale kann bestiegen werden!

 

Auf der gepflegten Weichsel-Promenade trifft sich Jung und Alt.

 

Eines der Toruner Stadttore an der Weichselseite.

29.07.02
Der Tag präsentiert sich mit blauem Himmel und Hitze schon am Morgen.
Um 8 Uhr in der Frühe sind die Straßen noch menschenleer. Genau die richtige Mischung für einen ausgedehnten Fotostreifzug. Der erste Eindruck von gestern hat nicht zu viel versprochen, ich bin ganz begeistert von der Stadt, deren Kern so gut wie ausschließlich aus schönen alten Häusern besteht. Von der Weichselseite wird die Stadt von der alten Stadtmauer mit mehreren Toren gesäumt. Das Ufer ist als breite Promenade mit Blumenschmuck und schattigen Biergärten angelegt.

Betritt man die Stadt durch eines der Tore, befindet man sich in den gepflasterten Gassen der Altstadt. Torun entwickelte sich  aufgrund der günstigen Lage an der Weichsel bereits im 13. Jahrhundert zu einem Handelszentrum. In der Mitte des Marktplatzes steht natürlich das Rathaus, an dem gut 200 Jahre gebaut wurde. Torun wird geschmückt, durch ein bisher noch nie gesehenes Ensemble von Bürgerhäusern und Kirchen aus roten Ziegeln. Besonders prächtig ist neben dem Rathaus das neugotische Postgebäude. Vor dem Rathaus steht das Nikolaus-Kopernikus-Denkmal. Die Sockelinschrift berichtet, er habe die Erde in Bewegung und die Sonne zum Stillstand gebracht.

Leider fällt mein Besuch auf einen Montag, die Museen sind geschlossen und mir bleibt sowohl das Rathausmuseum, wie auch die Ausstellung im Geburtshaus des berühmten Astronomen verschlossen. Neben den fantasievoll dekorierten Ziegelgebäuden fielen mir mehrere mit üppigen Stuckornamenten besetzte Fassaden auf. Herausragende Beispiele sind das Haus zum Stern sowie das Dambski Palais. Beide stammen aus dem Ende des 17. Jahrhunderts und sind mit auffallenden Pflanzenornamenten geschmückt.

Torun ist touristisch gut erschlossen; ich empfinde das ganz positiv, denn es findet in Maßen statt. Viele kleine Cafés und Restaurants laden innen wie außen zum Verweilen ein, auf das Durchschleusen von ganzen Busladungen von Reisenden ist man hier nicht eingestellt. Der Großteil der Touristen kommt aus dem eigenen Land, fremde Töne höre ich ganz selten.

Dass mir Einlass im Freilichtmuseum "Etnograficzny" gewährt wird, verdanke ich einer Schulklasse, die an diesem Montag einen Ausflug in diese Anlage macht. Alte polnische Bauernhäuser und Mühlen aus dicken Holzbohlen wurden aus dem Norden des Landes in dieses Museum gebracht und geben einen Eindruck vom Landleben im 18. und 19. Jahrhundert. Beim Blick in die einfachen Bauernstuben denke ich darüber nach, was der Mensch braucht und was Luxus ist. Sicherlich waren die Menschen damals auch nicht unzufrieden. Bemerkenswert finde ich den kleinen Friedhof, dessen Grabsteine und verschnörkelte Metallkreuze alle deutsche Inschriften tragen.

Als ich den kühlen Schatten der alten Bäume im Park verlasse um die Ruinen der alten Ordensburg zu besuchen, erschlägt mich förmlich die Hitze der Stadt und ich beschließe, mein Besichtigungsprogramm auf die Toruner Kirchen zu verlegen. In der Marienkirche beeindrucken das filigrane Sterngewölbe sowie herrliche gotische Wandmalereien und in der St.-Johannes-Kathedrale gefällt mir eine wunderschöne Moses Büste aus dem Jahr 1400. Da mir bei der Hitze offensichtlich nichts Besseres einfällt, erklimme ich den Glockenturm um die Stadt von oben betrachten zu können. Bei dieser Gelegenheit besichtige ich auch gleich die 6 Tonnen schwere Glocke, die "Tuba Dei", welche die zweitgrößte Glocke Polens ist und mindestens 4 kräftige Männer braucht um sie zum Klingen zu bringen.

Nach diesem doch recht umfangreichen Programm lasse ich den Abend am Weichselufer ausklingen. Hier geht ein leichter Wind, doch mein kleines Thermometer zeigt gegen 21 Uhr noch immer 28 grad.

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