mit Schmerzen nach
Posen  ~  (Poznan)

24.07.02

Trotz starker Bedenken bezüglich meines Sitzfleisches breche ich auf. Der Blick aus dem Fenster versprach einen schönen Tag, doch kaum dass ich die Taschen ans Rad gehangen habe beginnt es zu regnen. Das bremst mich nicht. Taschen wieder auf, Regenzeug an und los.

Die ersten Meter sind die Hölle, dann geht es besser. Ich fahre am Bahnhof vorbei, doch obwohl ich mir die Bahnverbindung besorgen lies, zögere ich nicht 1 Sekunde als ich diese einfache Möglichkeit nach Posen zu gelangen im wahrsten Sinne des Wortes "links liegen" lasse. Mein Po tut weh, es regnet und ich bin glücklich auf meinem Rad.

Um der mörderischen Bundesstraße von gestern so weit wie möglich auszuweichen, entschied ich mich für einen satten Umweg von 15 Kilometern. Die Wahl war gut, es geht durch dichte Wälder und kleine Dörfer. Die Bewohner versuchen, die oft noch grauen Fassaden mit besonders üppigem Blumenschmuck zu kaschieren. Es gelingt, denn das Auge mag sich nicht von der Farbenpracht lösen. In diesem Regen begegne ich über weite Strecken keinem Menschen und habe die Blumen wie auch die Landschaft ganz für mich allein. Es sind heute die kleinen Begegnungen, die

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Immer wieder ein Foto wert: Polens Störche.

 

Morgenstimmung auf Posens Marktplatz.

 

Das gastronomische Angebot ist vielfältig, aber zum Glück noch weit vom Massentourismus entfernt.

 

Das Renaissance-Rathaus ist das Prunkstück Posens.

 

Handtuchschmale Krämerhäuser auf dem Marktplatz.

 

Wie ein gewaltiger Fremdkörper erhebt sich die barocke  Pfarrkirche Maria Magdalena hinter den Bürgerhäusern.

 

Der Stilmix der Kathedrale zeugt vom Wandel der Baukunst.

mich glücklich machen. Ein kleiner Frosch, nicht größer als meine Daumenkuppe hopst vor mir über den Weg. Wenig später bleibe ich lange stehen um einen Storch zu beobachten. Der große Vogel steht auf der Straße und blickt mich an. Ich komme näher und näher aber der Storch geht nicht von der Straße, sicher will er wissen, was das für eine komische Gestalt ist, die da angerollt kommt. Leider kommt ein Auto entgegen und der Vogel fliegt auf. Längst habe ich gehalten und beobachte seinen Flug. Er scheint unschlüssig bei der Auswahl des Landeplatzes und zieht so mehrfach dicht an mir vorbei.

Einige Kilometer weiter teilen sich gleich 4 dieser herrlichen Vögel den First eines ganz kleinen Hauses. Mit der Idylle ist es vorbei, als ich einige Kilometer auf der Höllenstraße fahren muss. So kollektiv rücksichtslose LKW-Fahrer habe ich noch in keinem anderen Land erlebt. Obwohl ich mittlerweile Schmerzen im rechten Knie habe und am Ende meiner Kräfte bin, treibe ich mein Rad mit 27 Sachen voran, um dem Verkehr zu entkommen. In Srem verliere ich viel Zeit, als ich ausschließlich Bürgersteige benutze. Dieselben sind zwar gleichfalls mit dem Fahrradsymbol gekennzeichnet, doch sind die Bordsteine an Einmündungen nicht abgesenkt, was mich alle paar Meter aus dem Sattel zwingt. Bei jedem neuen Anfahren meldet sich mein Knie aber ich überlebe die Stadt. Noch 5 Kilometer auf der Bundesstraße, dann zweigt endlich meine Nebenstrecke ab. Beim ersten "Delikatesy", so heißen hier die Tante-Emma-Lädchen, mache ich Pause und feiere mein unversehrtes Leben mit Joghurt und Erdnüssen. Zur Feier des Tages hört es auf zu regnen und sogar die Sonne kommt zum Vorschein.

Von den folgenden 20 Kilometern verkehrsarmer Strecke habe ich nicht viel, denn die Schmerzen am Gesäß dominieren mein Denken. Ich kann mich nicht mehr ablenken, weder mit positiven, noch mit negativen Gedanken. Der Schmerz bestimmt mein Sein, zudem stecke ich wieder in der Regenjacke. Merkwürdigerweise bin ich nicht eine Minute unzufrieden, wünsche mich an keinen anderen Ort und auch in kein anderes Fahrzeug. Auf den letzten 10 Kilometern herrscht wie erwartet starker Verkehr. Ich finde den besten Weg in die Stadt auf Anhieb. Exakt nach 80 Kilometern stehe ich um 14.30 Uhr vor meinem Hotel. Eine freudige Überraschung wartet schon auf mich: Mein Zimmer hat ein Bad mit Wanne, in der ich auch sofort verschwinde.

 

25.07.02

Hatte mir für heute vorgenommen endlich einmal auszuschlafen, doch um 7 Uhr bin ich wach. Der Marktplatz, gestern noch voller Menschen, präsentiert sich am frühen Vormittag fast menschenleer. Nur einige Berufstätige hasten über den Platz, haben keinen Blick für die schönen Häuser. Der Marktplatz in Posen ist nicht so beeindruckend wie der von Breslau, doch wird er ebenfalls durch die Bebauung in der Mitte in mehrere Bereiche geteilt.

Das Prunkstück ist auch hier das Rathaus mit einer Renaissancefassade aus mehrstöckigen Arkadengängen. Die alten Bürgerhäuser, welche den gesamten Platz einrahmen, sind weder Rekonstruktionen noch frisch renoviert dafür aber besonders authentisch. Der Bebauungsblock in der Mitte beinhaltet eine Reihe handtuchschmaler Krämerhäuser, unter deren Laubengängen heute Souvenirhändler ihre Waren feilbieten . Gleich daneben dominiert leider ein grässlicher Betonklotz, in dem das Militärmuseum untergebracht ist. Wie dieser Schandfleck auf dem historischen Markt genehmigt werden konnte, ist mir ein Rätsel.

Ich schlendere einige Stunden durch die Gassen, besuche dabei mehrere Kirchen sowie die Kathedrale auf der Dominsel. Besonders prunkvoll ist die Pfarrkirche Maria Magdalena. Innen wie außen ist dieses Meisterwerk des Barock üppig mit Stuck, Schnitzwerk und Figuren geschmückt. Auf mich wirkt das ziemlich überladen und ich beschließe, mir die Gemälde im Nationalmuseum anzusehen. Obwohl viele Touristen in der Stadt sind, bin ich der einzige Besucher an diesem Nachmittag. Ich genieße es, in aller Ruhe all die Bilder betrachten zu können. Wieder einmal bemerke ich mein eher gespaltenes Verhältnis zur modernen Kunst. Wirklich fasziniert bin ich von der fast fotorealistischen Malerei des 19. Jahrhunderts. Manche Szenen wirken so lebensecht, dass ich den abgebildeten Personen zulächele.

Wie schon in Breslau kann ich mich dem Zauber des historischen Marktplatzes nicht entziehen und kehre immer wieder auf einen Kaffee hierher zurück. Posen wirkt nicht herausgeputzt, doch der Bereich  mit zusammenhängender Altstadtbebauung ist größer als in Breslau. An vielen alten Häusern bröckelt der Putz, wodurch ich mich an manchen Stellen wirklich in die Vergangenheit versetzt fühlte.

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