unterwegs sein ...

26.07.07
Der richtige Weg aus Posen ist auf Anhieb gefunden. Der gewählte Umweg ist zwar nicht gerade verkehrsarm aber erträglich. Zumindest der von mir bereiste mittlere Teil Polens ist nicht, wie es der flüchtige Blick auf die Landkarte vermuten lässt, völlig flach, sondern durchgehend hügelig. Zwar bleiben mir knackige Anstiege wie in Tschechien erspart, doch ist das kontinuierliche Auf und Ab doch recht anstrengend. Belohnt werde ich durch die schöne Landschaft, die viel abwechslungsreicher ist als reines Flachland. 

Wäre nicht das triste Wetter, das alles in graue Farben taucht, meine Nikon hätte viel Arbeit. Nur einmal, als ich bei Biedrusko die Warte überquere, öffne ich die Fototasche. Bei der Ortseinfahrt nach Skoki schiebe ich fast einen Kilometer über einen mit fehlenden oder hochstehenden Platten belegten Fußweg. Die Straße verengt sich und ich brauche keine Wiederholung der Situation von vor 2 Tagen, als mich an einer solchen Stelle in Lubin ein LKW in den weichen Sandstreifen zwang. Immer wieder wundere ich mich über den halsbrecherischen Fahrstil der Polen. Nach der Menge der am Wegesrand mahnenden Kreuze müssen die Menschen hier auf den Straßen sterben wie die Fliegen. Da helfen offensichtlich auch die vielen Jesus- und Heiligenfiguren nicht, die selbst auf einsamen Strecken aufgestellt sind.

Mein heutiges Etappenziel Wagrowiec erreiche ich nach 60 Kilometern, finde jedoch den angegebenen Campingplatz nicht. Nach einer Stunde gebe ich auf und fahre dem Wegweiser zu einem Hotel nach, als plötzlich der gesuchte Campingplatz auftaucht. Hübsch unter Kiefern, direkt am Ufer eines Sees gelegen baue ich nach nun 66 Kilometern zum ersten Mal auf dieser Reise mein Zelt auf. Wieder einer dieser absoluten Glücksmomente; und daran ist nicht die

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Überall in Polen präsent: Joh. von Nepomuk.

 

Am Dorfteich.

 

Idylle am See von Wagrowiec.

 

Im Zentrum von Janowiec Wielkopolsk.

 

Museumsturm in Znin

 

Abendstimmung am  See bei Znin.

zaghaft herausschauende Sonne schuld.

Später schlendere ich am See entlang und beobachte einige bis zum Schritt im Wasser stehende Angler im Schilf. Ein kleiner Park wurde am Ufer angelegt, mit vielen Bänken, Stegen ins Wasser und eigentümlichen Skulpturen. Kinder versuchen mit Keschern zu fischen und alte Menschen sitzen plaudernd auf einer Bank. Ich mag es, die Leute in ihrem Alltag zu beobachten. Vor einem Fahrradgeschäft treffe ich einen Französisch sprechenden Russen, und freue mich endlich mal eine richtige Unterhaltung führen zu können. Die Englischkenntnisse der Polen beschränken sich sehr auf den eigenen touristischen Bereich, außerhalb der Großstädte hilft nur Zeichensprache und Lächeln; eine Kommunikationsform, an der ich unerwartet viel Spaß habe!

Einige Stunden später, die Wolken haben sich verdichtet und am See bin ich ganz allein. Ich stelle mir vor, wie bei Sommerwetter der riesige Badesteg auf dem ich sitze, voller Sonnenhungriger wäre. Nun bin ich ganz zufrieden, dass es so still ist. Die Wasseroberfläche ist nur leicht gekräuselt und ein einsames Segelboot schaukelt sanft vor sich hin. Trauerweiden lassen ihre Zweige tief übers Wasser hängen und leicht wiegt das Schilf hin und her. Die Sonne erbarmt sich und schickt doch noch einige Strahlen; eben genug, um der Wasseroberfläche einen goldenen Schimmer zu verleihen. Schade, dass ich kein Maler bin, hier ist das perfekte Motiv.

 



27.07.02
Dicke Wolken sorgten einmal mehr für einen Tag in Grau. Ich war nicht unzufrieden denn es war trocken und warm. Wenigstens brauchte ich keine Regenjacke. Am Morgen sah es schlimmer aus, das Frühstück fiel aus, da ich wenigstens trocken vom Campingplatz kommen wollte. In Janowiec Wielkopolsk wurde es nachgeholt. Der Ort hatte einen schönen Platz mit  Bänken in der Mitte. Also kaufte ich frische Mohnbrötchen, Geflügelleberpastete und Tomaten. Das Ganze wurde am Brunnen mitten auf dem Marktplatz verputzt. Ein kleines Mädchen war neugierig und leistete mir Gesellschaft, unsere Kommunikation war gemischt, sie Polnisch, ich Deutsch,  beide Lächeln. Die Kleine war höchstens 4 Jahre alt und als ich ihr ein Stückchen Tomate anbot, ist sie weggelaufen: klar, von Fremden nimmt man doch nichts!

Nun sitze ich wieder an einem See. Der Park am See in der Stadt Znin ist größer als der von Wagrowiec. Die Etappe hatte nur 45 Kilometer, immerhin bin ich auf einer Reise, nicht auf der Flucht. Auf dem kleinen Campingplatz gleich am Ufer ist mein Zelt ganz allein, dafür sind die meisten Hütten vermietet. Stege mit vielen Bänken sind weit ins Wasser gebaut und laden zum Verweilen ein, am Ufer ist Sand angeschüttet, über den sich Kinder beim Planschen freuen.

Der Ort war schnell abgehakt, der übliche Marktplatz, Häuser mit blätterndem Putz und einige Lädchen. Im Schaukasten vor der Polizeistation zeugen eine Menge schrecklicher Fotos von Unfällen allein in der Umgebung von Znin. In der Mitte steht ein alter Backsteinturm, der ein Museum beherbergt; mangels polnischer Sprachkenntnisse sind Ursprung und Funktion des Bauwerks nicht zu ergründen. Wieder ein Ort, der auf einer Reise mit motorisiertem Fahrzeug sicher keinen Stopp wert gewesen wäre.

Während ich hier am Ufer sitze, denke ich über das Reisen nach. Reisen sind teuer, in möglichst kurzer Zeit werden möglichst viele Highlights abgehakt. Nur die herausragenden Orte und Sehenswürdigkeiten werden angefahren und systematisch abgehandelt. Sicherlich ist es nicht wirklich wichtig die unbedeutenden Stationen dazwischen zu sehen und doch halte ich meine langsame Art zu reisen für authentischer. So erschließt sich das Ganze, nicht nur ein herausgeputzter Teil. Auch ich brauche eine ganze Weile um mich an diese Langsamkeit zu gewöhnen. Nach dem Stadtrundgang und einem Foto am See bin ich im touristischen Sinne eigentlich fertig mit Znin, doch steht hier mein Zelt und der Tag hat noch einige Stunden. Der Park mit dem See wird immer interessanter, ich sehe ganz bewusst die wilden Blumen, Schmetterlinge, die ich noch nie zuvor sah und immer andere Wasservögel kommen aus dem dichten Schilf am Ufer. An einem kleinen Bachlauf beobachte ich eine Herde Frösche, einige sind so groß wie meine ganze Hand! Die Wolken haben sich völlig verzogen, der blaue Himmel verspricht für morgen einen schönen Tag.



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